Wer sich nicht mehr bewegt, ist tot

Was mir bislang überhaupt nicht klar war: wie bei vielen Disziplinen, ist auch bei der Choreografie eine Öffnung der bisherigen Grenzen zu beobachten: ging es ursprünglich um das Beschreiben von Tanz, können ganz allgemein körperliche Bewegungen im Raum unter diesem Blickwinkel erfasst, untersucht und inszeniert werden.
Ich habe mit Vergnügen und Gewinn Peter Brook – Der leere Raum gelesen, muss aber tatsächlich eingestehen, bislang nicht wirklich vierdimensional gedacht zu haben, denn die Tiefe der Bühne war immer nur in Bezug auf die Kante der Rampe gedacht, also faktisch linear. Erst jetzt, wo ich ein Freilichttheater konzipiere, ohne Guckkasten, ohne Bühnenrampe, fängt der Raum wirklich an, eine Rolle zu spielen; ganz abgesehen von den größeren Entfernungen auf der Bühnenfläche, die strukturiert werden müssen. Dazu kommt außerdem, dass das Bühnenbild in Form einer großen, variablen Bühnenplastik in der Mitte auch in der Höhe bespielt wird und daher wesentlich komplexere Überlegungen veranlasst als bisher gewohnt: wer ist wann wo und macht was/bewegt sich wie?
Dazu kommen Massenszenen, passend zum Titel „Masse Mensch“ (ja: das Revolutionsstück von Ernst Toller). Alle geplanten (und auch die ungeplanten) Bewegungen der Figuren sind Ausdruck einer Choreografie – für die meisten sicher eine Binsenweisheit, für mich eine neue Erkenntnis. Ich bin gleichzeitig erleichtert hier ein komplettes System vorzufinden, das ich bislang ignoriert oder (für Kampfszenen) delegiert habe, andererseits bin ich bekümmert, dass ein Menschenleben nicht ausreicht um alles Wissenswerte zu begreifen. Denn mit diesem komplexen System tut sich auch ein zunächst kaum überschaubares Feld der Erfahrungen und Erkenntnisse verschiedenster Art auf, die geordnet und nach ihrer Brauchbarkeit für mich untersucht und verstanden werden müssen. Aber: wer sich nicht mehr bewegt, ist tot.

Mehr Licht!

Das Bild im Header ist aus meiner letzten Inszenierung: Credo von Enzo Cormann, ein Solo-Stück mit der absolut eindrucksvollen Katja Keßler.

Mit etwas Abstand betrachtet drängt sich mir die Frage auf: warum ist es im Theater meist so duster wie in einer gotischen Kirche? – Damit die Zuschauer wissen, wo sie hingucken sollen? Weil die Vorstellungen traditionell abends stattfinden? Jedenfalls scheint zunächst eine technische Entwicklung dahinter zu stehen, denn außer dass meist keine Möglichkeit besteht, in Theaterräume Tageslicht einfallen zu lassen, ist zusätzlich alles schwarz gestrichen. Beim Straßentheater sieht das naturgemäß ganz anders aus und künstlerischen Performances finden allgemein in hell gestrichenen, gut ausgeleuchteten Galerieräumen statt und eine theatermäßige Beleuchtung würde hier eher als unpassend, wenn nicht gar kitschig empfunden werden.

Möglicherweise würde dem Theater eine Art Dogma 95 Bewegung guttun, um es aus den düsteren Grüften und von einer Menge technischen Klimbims zu befreien. Wobei auch Punkt 10 des Manifests nicht ohne ist: „Der Regisseur darf weder im Vor- noch im Abspann erwähnt werden“ Da haben sich aber auch schon Andere Gedanken darüber gemacht; nach dem Motto: „Das wahre Kino der Zukunft und das wahre Theater der Zukunft sind eins!“, wie es sich im Dortmunder Manifest „Dogma 20_13“ niederschlägt.

Hier im Internet zu finden: http://www.theaterdo.de/uploads/events/downloads/DOGMA_20_13.pdf

Verwirrung der Begriffe

Letzten Dienstag (14.10.) war ich beim Kulturpolitischen Forum in der Fabrik der Künste.

Es war eine freundliche Diskussion auf dem Podium unter den Vertretern der Parteien Linke, Grüne, SPD und der Koalition der Freien Hamburg, vertreten durch Dan Thy Nguyen. An die Namen der anderen Diskussionsteilnehmer erinnere ich mich leider nicht mehr und und habe es blöderweise versäumt sie aufzuschreiben – außer Norbert Hackbusch von der Linken, der unter anderem im Kulturausschuss des Senats sitzt und den ich schon länger kenne. Es ging vor allem um Etatfragen, eben Kulturpolitik.

Spannender wurde es, als auch die BesucherInnen in die Diskussion einbezogen wurden, wobei mir zwei Gedanken haften geblieben sind, zum einen, dass bei den PolitikerInnen anscheinend überhaupt kein Unterschied zwischen Kunstproduktion und Kunstmarkt gemacht wurde.

Es lässt sich doch veralgemeinernd sagen, dass sowohl in der freien (bildenden) Kunst, als auch in der freien Theaterszene die Gründe für das Schaffen immanent sind. Aus eigenen Antrieb, mit einer entsprechend spezialisierten Ausbildung im Hintergrund, stelle ich ästhetische Objekte her inszeniere ich bestimmte Stoffe. Schön wenn es dafür Geld gibt aber der finanzielle Aspekt ist nicht der Auslöser der Arbeit. Selbstverständlich möchten auch die Freien von ihrem Beruf leben können aber die Grundlage ihrer Arbeit ist eben eine andere als zB bei einem Lockführer.

Dann kommt der Markt, da ist die Entstehungslegende ziemlich gleichgültig, da herrschen andere Gesetzmäßigkeiten, die die eine zum hochbezahlten Musical-Star machen und den anderen zum idealistischen Hungerleider, der nachts Taxi fährt um seine Miete zusammen zu bekommen.

Der einzige war Norbert Hackbusch, der definierte was die Politik vermag und was die Künstlerschaft selbst auf die Reihe kriegen muss. Die Stadt kann die Arbeitsmöglichkeiten (Räume etc) verbessern aber die einzelnen alimentieren will oder kann sie nicht.

Am Rande fiel mir als Nicht-Hamburger die seltsame Heimatliebe einiger Sprecher aus dem Künstler-Publikum auf, die auch mit Applaus bedacht wurden. Es war vorher die Rede davon gewesen, dass künstlerisch Schaffende beispielsweise in Berlin, wenn nicht mehr Geld, so doch eine größere Akzeptanz und schöpferischere Atmosphäre vorfänden als bei den Pfeffersäcken der Hansestadt. Ein Herr aus dem Publikum fand es wichtig, dem ganz explizit zu widersprechen. Aber ist es nicht piep egal wo mir die guten Ideen kommen, ob auf der schwäbischen Alp oder im Herzen Manhattans? Sollte nicht überhaupt jeder, nicht nur die schöpferisch tätige, über den Tellerrand gucken und wenigstens registrieren was sich in der Welt so tut; wenn man schon nicht bereit ist, sich einzumischen?

Guten Tag, ich bin hier neu …

… neu in der ‚Blogosphäre‘ und stelle mich daher kurz vor. Ursprünglich komme ich von der bildenden Kunst, habe in Stuttgart studiert, und bin über das Bühnenbild, die Beschäftigung mit der Schauspielerei, mit Film bei der Theaterregie gelandet. Das sind zunächst Interessen, die sich nicht unbedingt überschneiden – aber im Rückblick führt noch durch jedes Chaos ein roter Faden und so bedingt sich für mich vieles gegenseitig.

Was ich hier suche, ist ein intelligenter Austausch mit interessanten GesprächspartnerInnen, wie er in meinem Alltag leider zu selten ist, der aber die Voraussetzung bietet, um einigermaßen lebendig zu bleiben.